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10. Mai 2014

Billiglampe(n) aus dem Internet

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Im Internet wimmelt es von Billig-Lampen, die sich mit immer höheren Lumenangaben übertreffen. Während diese Lampen deutlich günstiger sind als vergleichbare Produkte namhafter Hersteller, ist die Leuchtkraft deutlich höher – zumindest auf dem Papier, aber das ist ja bekanntlich geduldig. Trifft die altbekannte Weisheit „Wer billig kauft, kauft doppelt“ auch auf günstige Lampen zu? Wir wollten es genauer wissen und haben ein Fahrradlampe/Stirnlampe-Komplettpaket, bestehend aus Lampe, Akkupack, Ladegerät, Transporttasche fürs Akkupack, Fahrradhalterung und Stirnband auf Herz und Nieren untersucht. Der Preis? Schlappe 45 Euro inklusive Versand.

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Bei der Beschreibung der Lampe nimmt’s der Verkäufer nicht so genau. Abgebildet ist eine Lampe mit fünf LEDs, in der Beschreibung wirbt er jedoch nur mit drei LEDs. Auch bei den Akkus lässt er Fünfe gerade sein. Statt mit vier 18650-Akkus wird die Lampe in Wirklichkeit mit deren sechs betrieben.

 

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Detaillierte Infos zum Leuchtgerät gibt es ebenfalls.

Das Angebot macht zunächst mal stutzig. Denn für den Preis des Komplettpakets bekommt man in Deutschland nicht einmal die Akkus, mit denen die Lampe betrieben wird. Zumindest dann nicht, wenn es sich um hochwertige Markenzellen handelt. Im Lieferumfang des Komplettpakets sind sechs 18650-Akkus bereits enthalten. Lampe, Ladegerät, Aufbewahrungstasche, Fahrradhalterung und Stirnband sind also quasi „geschenkt“.

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So sieht unsere Lampe in natura aus.

 

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Ein Täschchen fürs Akkupack, Gummis für die Befestigung am Stirnband oder am Fahrradlenker sind im Lieferumfang bereits enthalten.

 

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Das Prinzip funktioniert.

 

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Mit fünf XM-L-LEDs liefert die Lampe laut Verkäufer 6.000 Lumen.

 

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Der Schalter ist hinterleuchtet. Bei vollem Akkupack leuchtet er grün. Geht die Akkukapazität zur Neige, wechselt er zu blau, und wenn die Akkus kurz vor dem Kollaps sind, zu rot.

 

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Das Akkupack.

 

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Die Steckverbindung funktioniert prima.


Und ab dafür!
Unsere Lampe ist ein wahres Leuchtwunder. 6000 satte Lumen aus fünf Cree-XM-L-T6-LEDs sind mal eine echte Ansage. Zum Vergleich: Die Betty TL2 von Lupine, die eine der hellsten Serienlampen überhaupt ist, bringt es mit einer LED mehr auf „nur“ 4500 Lumen.
Also das Akupack geladen (auf das wir später noch ausführlicher eingehen werden) und den Stecker mit der Lampe verbunden. Einschalten – au ja, macht schon richtig viel Licht, aber wieviel geht denn da noch? Oha, die nächste Stufe ist dunkler, dann kommt Strobe, dann gar nichts mehr. Das war’s schon? Zugegeben, die Lampe ist hell, aber von 6000 Lumen ähnlich weit entfernt wie die Erde von der Sonne. Mangels Ulbrichtkugel konnten wir keinen exakten Lumenwert ermitteln, aber mit einer „Ceiling-Bounce“-Messung, einer Methode, bei der die Lampe an die Decke gerichtet wird und das reflektierte Licht gemessen wird, kamen wir auf 1300 Lumen – nicht gerade viel für fünf XM-L-LEDs.

Die Regelung
Beim Laufzeittest, bei dem die Lampe durch einen Ventilator gekühlt wurde, knickte die maximale Lichtleistung schnell ein, blieb dann aber für eine lange Zeit halbwegs konstant – die Lampe ist dadurch durchaus praxisrelevant. Nach 2 Stunden und 25 Minuten wechselte die LED-Anzeige in der Lampe, die grob die Restkapazätät der Akkus anzeigt, von blau auf grün, nach 2 Stunden und 54 Minuten auf rot und begann zu blinken, als Zeichen, dass das Akkupack geladen werden muss.
Ein gravierender Nachteil machte sich beim Test ohne Kühlung bemerkbar. Denn die Lampe verfügt über keinerlei Überhitzungsschutz. Nach einer halben Stunde war sie so heiß, dass man sie nicht mehr anfassen konnte, wenige Minuten später begannen die LEDs zu flackern.
Auch wenn es relativ praxisfremd ist, eine Lampe ohne jegliche Kühlung zu betreiben (selbst bei langsamem Gehen wird sie ja durch die Umgebungsluft gekühlt) – zumindest eine zeitgesteuerte Regelung, die die Lampe herunterschaltet, hätte man der Lampe verpassen sollen. Das kostet kaum etwas und ist bei Mehrfach-LED-Lampen eigentlich Pflicht. Denn sollte man die Lampe eingeschaltet versehentlich liegenlassen, werden die LEDs den sicheren Hitzetod sterben.

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Außen hui, innen…?
Und wie schaut’s sonst mit der Qualität der Lampe aus? Äußerlich erst mal gar nicht so schlecht. Das Aluminiumgehäuse macht einen robusten Eindruck, auch die Anodisierung ist sauber ausgeführt und kratzfest. Die Frontscheibe besteht aus Glas, und der Schalter drückt sich konkret und direkt.
Apropos Schalter: Wie bereits erwähnt, gibt es drei Einstellungen, hell, dunkel, Strobe. Ein typisches UI bei billigen Chinalampen und etwas nervig, weil man zum Ausschalten immer übers Geblinke gehen muss.
Der ordentliche äußere Eindruck relativiert sich, wenn man die Lampe öffnet. Die LEDs sind mit Wärmeleitkleber auf einem Aluminiumkörper befestigt. Dieser Aluminiumkörper ist nach unten verjüngt und nimmt den Schalter mit der Elektronik auf. Innen ist der Aluminiumkörper hohl. Am Lampengehäuse liegt er nur mit dem breiteren oberen Teil an. Soviel zum Thema „Heatsink“. Die Wärmeableitung ist katastrophal. Schlimmer geht’s kaum.
Laut Beschreibung verfügt die Lampe über ein „Wasserdicht Design.“ Wie sich beim Test herausstellte, ist es tatsächlich nur ein Wasserdicht-Design. Die Lampe selbst ist absolut nicht wasserdicht. Nach dem Test ergoss sich eine kleine Pfütze aus dem Gehäuse auf den Tisch. Schuld daran war die Tatsache, dass das Kabel, das die Lampenelektronik mit dem Akkupack verbindet, ohne jegliche Abdichtung durch ein viel zu großes Loch in den Lampenkopf geführt wird. Was die Wasserdichtheit anbelangt, dürfte bereits ein starker Regenguss Probleme bereiten.

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Die LEDs sind mit Wärmeleitpaste/kleber auf dem Kühlkörper befestigt.

 

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Hinten sitzt die Elektronik mit Schalter.

 

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Innen ist das Ding hohl. Eine gute Heatsink sieht anders aus.

 

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Lediglich am oberen Rand dieser Fehlkonstruktion wird die Wärme ans Lampengehäuse abgeleitet.

 

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Das Kabel wird durch eine viel zu große, nicht abgedichtete, aber dafür sehr scharfkantige Öffnung geführt. Im unteren Loch ist die Stirnlampen/Fahrradhalterung befestigt, ebenfalls ohne jegliche Abdichtung.


Das Akkupack

Als Stromversorger dient ein Akkupack, das aus sechs 18650-Akkus in einer Reihenschaltung (2S3P) besteht. Die Akkus sind ungeschützt, es wurde jedoch ein Balancer verbaut (Ausgleichsregler, der dafür sorgt, dass alle Zellen innerhalb eines Akkupacks eine gleichmäßige Spannung haben). Man hat somit zumindest Gewissheit, dass die einzelnen Zellen beim Aufladen gleichmäßig geladen werden. Doch diese Gewissheit ist trügerisch. Beim Test haben wir das Akkupack fünfmal in der Lampe entladen und mit dem (sehr zweifelhaften) mitgelieferten Ladegerät geladen, das bei einer Spannung von 8,4 Volt abschaltet.
Nach dem fünften Entladevorgang haben wir die Akkus gemessen. Das Ergebnis: Drei Akkus hatten eine Leerlaufspannung von etwa 2,8 Volt (2,86; 2,79; 2,78). Die anderen Zellen lagen fast um ein Volt höher (3,75; 3,74; 3,74). Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Balancer-Elektronik vorne und hinten nicht funktioniert. Was dazu führt, dass die Akkus, je öfter sie ge- und entladen werden, von der Spannung immer weiter auseinanderdriften.
Im günstigsten Fall macht einfach ein Akku schlapp, und die Lampe geht nicht mehr an. Im ungünstigsten Fall kann einem das Akkupack beim Laden oder beim Betrieb an der Lampe um die Ohren fliegen.

Die Akkus
Nachdem wir das Akkupack zerlegt und die einzelnen Zellen separat geladen hatten, folgte eine Kapazitätsmessung. Das Ergebnis war ernüchternd. Die Kapazität der Zellen lag bei 1650 mAh. Der hohe Innenwiderstand deutet zudem darauf hin, dass die Zellen entweder hoffnungslos überlagert waren, oder, wie häufig bei billigen China-Lampen, alte Zellen aus einem geschlachteten Laptop sind.

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Zum Einsatz kommen sechs ungeschützte Uralt- oder Gebraucht-Akkus.


Fazit:

Wer mit etwas weniger als einem Fünftel der angegebenen Lichtleistung der Lampe leben kann, bekommt für kleines Geld eine Lampe, die für nahezu alle Alltagssituationen mehr als ausreicht. Viele werden damit leben können, aber niemand sollte damit leben wollen. Denn das Akkupack ist eine potenzielle Bombe. Sechs ungeschützte, bereits benutzte oder hoffnungslos überlagerte Akkus, die mit einem nicht funktionierenden Ausgleichsregler und einem mehr als zweifelhaften Billig-Lader geladen werden – so etwas geht gar nicht! Das Innenleben der Lampe selbst ist zwar nicht gefährlich, dafür aber nicht minder schlecht. Eine Wärmeableitung ist praktisch nicht vorhanden, und Nutzer, die auch bei Regen unterwegs sind, dürfen sich nicht über eventuelles Wasser im Gehäuse wundern. Für 45 Euro bekommt man ordentlich hell machenden, gefährlichen Kernschrott.

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Leider steht diese Lampe stellvertretend für viele andere, die im Internet für kleines Geld verramscht werden und nicht minder schlecht sind. Gleichzeitig gibt es immer wieder mal „Ausreißer“, die ebenfalls für wenig Geld erhältlich sind, aber eine deutlich bessere Qualität bieten. Anzeichen für „Billig-Schrott“ sind meist Komplettpakete, bestehend aus Lampe, Akkupack, Ladegerät und mehr oder weniger umfangreichem Zubehör, wie das hier vorgestellte. Die guten „Billig-Lampen“ werden in fast allen Fällen ohne jegliches Zubehör angeboten. Dies gilt sowohl für Stirn-, als auch für Handlampen.
Wer ob eines bevorstehenden Kaufs an der Qualität einer Lampe zweifelt, sollte sich in einschlägigen Fachforen, wie dem Taschenlampen-Forum informieren. Der Umgangston ist sehr nett, und auch Lampen-Anfänger werden dort gut beraten.

 

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